Italien-Tour - Teil 1


Wettbewerb Serie B
Datum & Uhrzeit 19.10.2019, 15:00 Uhr
Spiel Venezia FC - US Salernitana 1919
Ergebnis 1:0 (1:0)
Spielort Stadio Pier Luigi Penzo, Venezia
Spielort Kapazität 7.450
Zuschauer 4.378


Italien - wenn man es so nennen möchte, schon sehr lange mein Hauptziel für Groundhopping. Diese alten, großen, teilweise legendären und mit enormen Charme versehenen Stadien locken mich einfach. Dazu ist es das Geburtsland der Ultras und somit der Wegbereiter für eine Fankultur, die über die gesamte Welt verbreitet ist. Im Januar 2012 habe ich mir selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht und mir den Länderpunkt geholt. AS Rom gegen den AC Florenz. Coppa Italia, Stadio Olimpico und Francesco Totti. Dieser Mann ist für viele Fußballfans einfach nur ein Vorbild und ich bin sehr froh, ihn mal live spielen gesehen zu haben. Letztes Jahr im März sollte es dann endlich mal wieder ein Wochenende nach Italien gehen und die Spiele waren bombastisch. Brescia Calcio, Feralpisalò, Atalanta Bergamo und zum Abschluss das Mailänder Derby. Mehr geht nicht. Dummerweise gab es am Samstag einen so schlimmen Schneesturm, dass fast alle Spiele in Norditalien abgesagt wurden. Am Sonntag verstarb leider und völlig unerwartet der italienische Nationalspieler Davide Astori, weshalb auch am Sonntag alle Spiele abgesagt wurden. FC Lugano gegen BSC Young Boys in der Schweiz war am Ende der einzige Fußballbesuch an diesem Wochenende. Nun aber, bald acht Jahre nach dem bisher einzigen Fußballspiel in Italien, sollten endlich noch einige weitere hinzu kommen.

Freitag Mittag ging es erstmal nach Franken zur 2. Bundesliga. Diesmal wurde schon diese Strecke mit dem Flixbus abgeklappert. Die Einweisung machte der Busfahrer im Gang auf Stewardessen-Art. Der war mal richtig cool drauf. Vor der Abfahrt aus Nürnberg hat sich diese Stadt wieder von der besten Seite gezeigt, also genau so, wie sie mir schon immer in Erinnerung war. Nur komische Menschen, wo man hin schaut. Da war der Typ, der den McDonalds-Kassierer eindringlich drum bat, ihm Pfeffer-Tütchen zu geben und danach eindringlich um mehr bat, ein Ehepaar, wo der Mann besoffen und Bier trinkend seine Frau auf Krücken zum Betteln geschickt hat, weil er damit beschäftigt war, die „Policja Terrorista“ zu beobachten, die gerade irgendwelche Kiffer hoch nahmen, die, noch ganz panisch nicht wussten, ob ihr Bus nun schon ohne sie gefahren ist oder nicht, samt neuem Kumpanen, der ihre Filzung nachvollziehen konnte, da er zu früherer Stunde selber aus dem Bus gezerrt wurde und dann den ganzen erkennungsdienstlichen Kram, samt Fingerabdrücke, durchmachen musste und eigentlich schon seit vier Stunden zu Hause sein sollte. Das gepresst in wenige Minuten. Lovely Nürnberg. Der folgende Flixbus wurde gesteuert von waschechten Italienern, charmant, wie man sie sich vorstellt. Im Bus befanden sich lediglich 10 Leute, also nutzen sie die Zeit für ein paar Pläuschchen mit den Fahrgästen, allen voran natürlich den Damen und legten Johnny English in den Fernseher.

Venedig ist eine ganz besondere Stadt. In einer Lagune ist sie auf über 100 Inseln gebaut, welche mit über 400 Brücken und über 150 Kanälen miteinander verbunden sind. Autos gibt es keine. Wer nicht zu Fuß gehen will, muss über die Kanäle reisen. 33 Millionen Touristen pro Jahr (davon 90% Tagestouristen) stehen 56.000 Venezianern gegenüber. Das Ungleichgewicht führt dazu, dass immer mehr Bewohner Venedig verlassen. Vor 60 Jahren gab es noch 160.000 Venezianer. Die Stadt dient eigentlich nur noch dem Tourismus und ein normales Leben ist nicht mehr möglich. Normale Dinge des Alltages gibt es nicht: Einen Arzt oder ein Einkaufszentrum. Stattdessen überteuerte Cafés und eine Air BnB Wohnung an der anderen. Das Hauptproblem dabei ist, dass offiziell weitere knapp 170.000 Einwohner auf dem Festland leben, welche zu Venedig gehören. Auf den Inseln befindet sich das centro storico, das historische Zentrum. Die Landbewohner verdienen ihr Geld mit dem Tourismus und können die Urvenezianer mit ihrem Stimmanteil übertreffen, weshalb auch immer wieder politische Vertreter gewählt werden, welche den Tourismus weiter fördern und damit die eigene Bevölkerung verdrängen. Bereits im 1800, nach dem Fall der Republik Venedig, beschlossen die meisten Adligen, sich nicht mehr zu vermehren, um ihren Nachkommen keine Fremdherrschaft aufbürden zu müssen. Bereits vier Mal gab es eine Volksabstimmung, die Venedig vom Festland trennen sollte. Vier Mal wurde sie abgewiesen.

So die Daten aus dem Netz. Die Realität spiegelt jedoch genau das wider. Halb 11 fuhr mein Flixbus ein, nachdem ich über zwei Stunden in Bozen, im Nichts, zum Umstieg noch rumschlagen musste und direkt war die ganze Stadt überfüllt. Nur Touristen, auf jedem Fleck Land- und Wasserweg. Ich vertrieb mir die Zeit bis 13:00, wo ich ins Hostel einchecken konnte und erkundete schon mal vorsichtig die Stadt. Anders als vorsichtig geht es ja eh nicht, schnell kommt man bei den Menschenmassen nicht voran. So habe ich aber schon einige Fixpunkte, wie den Bahnhof, FastFood-Buden und Märkte entdeckt, um nicht auf irgendwas Überteuertes angewiesen zu sein. Wenn Samstag Nachmittag ein Spiel stattfindet, schaut man als Hopper ja oft nach weiteren Möglichkeiten. Diese boten sich hier überhaupt nicht. Mal davon abgesehen, dass die Möglichkeiten aufgrund der Lage von Venedig sowieso etwas beschränkt waren, fanden 80% der Spiele am Sonntag Nachmittag statt, weitere 10% am Sonntag Vormittag und die restlichen 10% parallel zum Spiel der Serie B. Die U15 des Venezia FC hatte ihr Heimspiel am Samstag 13 Uhr, also zeitlich direkt davor, doch das Spiel fand nicht auf einem Nebenplatz des Stadio Pierluigi Penzo statt, sondern im 50 Kilometer entfernten San Biagio di Callalta. Damit beschränkte sich der Samstag auf den Besuch des Stadio Pierluigi Penzo, welches 1913 eröffnet wurde und damit das zweitälteste Stadion eines Profivereins in Italien ist. Der Zuschauerrekord wurde mit 26.000 gegen den AC Milan 1966 aufgestellt. Fünf Jahre später wurde das Stadion durch einen Tornado so stark zerstört, dass die Kapazität auf 5.000 beschränkt wurde. In den 90igern, nachdem der Venezia FC sportliche Aufstiege erzielen konnte, wurde das Stadion wieder aufgepeppt und fasste dann bis zu 15.000 Zuschauer. Heute liegt die Zulassung bei etwa der Hälfte dessen. Aktuell gibt es feste Pläne für einen Neubau. Da der Venezia FC auf kurz oder lang den Aufstieg in die Serie A anpeilt, möchte man sich bestmöglich professionalisieren. Das Stadion soll zwölf Kilometer außerhalb Venedigs gebaut werden, mit direkter Autobahn- und Flughafenanbindung und vorerst 18.000 Zuschauer fassen mit der Möglichkeit der Kapazitätserweiterung auf 25.000. Daneben sollen Hotels, Einkaufszentren und Restaurants entstehen. Die komplette Tribüne soll aus Logen und Premiumsitzen bestehen. Also Kurz: Wahrhaft eklig und ziemlich abschreckend für jeden Fußball-Romantiker. Im August 2023 soll das neue Teil fertig sein.

Nach dem Check-In ging ich langsam Richtung Stadion, dazu muss man einmal durch die komplette Stadt, also mit den Massen schwimmen. Die Stadt ist wahrlich wunderschön, aber mit italienischen Einheimischen kann man nicht in Kontakt kommen. In jedem Winkel der Stadt Touristen, selbst in den letzten kleinen Ecken und selbst dort sind die Restaurants voll. Ab und an waren aber auch einige Gästefans zu sehen. Das Stadion wurde ohne Probleme erreicht und betreten. Die Fanblöcke der Heim- und Göstefans haben jeweils eine gesamte Tribüne hinter dem Tor. Für die ersten fünf Minuten war es komplett still im Stadion. Einen Tag nach dem letzten Spiel von Salernitana starb die 16-jährige Melissa. Sie war zu dem Heimspiel noch selber im Stadion, ist am nächsten Tag in der Schule einfach umgekippt und hat sich dabei tödliche Verletzungen zugezogen. Ihr würdigten auch die Heimfans mit fünf Minuten Schweigen und mehreren Spruchbändern. Der Gästeblock schwieg das gesamte Spiel über und hatte auch keinerlei Fahnen mit. Der Heimblock bestand aus zwei Stimmungshaufen, welche direkt nebeneinander standen und jeweils durchgängig unterschiedliche Lieder sangen. Es hat Spaß gemacht, dem Treiben zuzuhören und -zuschauen, denn die Stimmung war echt gut und laut. Mit einem Sieg hätte sich Salernitana den Aufstiegsplatz gefestigt und sogar Vorsprung aufgebaut. Es sah auch erstmal aus, als würden sie das Spiel für sich entscheiden. Sie waren zu Beginn sehr gefährlich und nur die Abseitsfahne ließ einen Torschrei wieder verstummen. Am Ende holte sich Venedig den Sieg und somit liegen nun beide Mannschaften in einem engen Feld in den Aufstieg-PlayOffs. Was mich etwas erschrocken hat war, dass die Mannschaft es zum Feiern mit den Fans noch nicht einmal bis zum Strafraum geschafft hat. Die Spieler haben einmal kurz den Fuß angetippt und sind postwendend wieder abgedreht.

Nach dem Spiel habe ich auf dem Weg in Richtung Hostel die großen Sehenswürdigkeiten von Venedig abgeklappert, zum Beispiel den Markusplatz oder die völlig überfüllte Rialtobrücke. Als ich einen der ganz wenigen Supermärkte entdeckte, holte ich mir noch zwei Bier fürs Hostel, wo ich mir kostenlos Nudeln kochen konnte. So verbrachte ich noch einige Stunden mit Gemütlichkeit, bevor ich in mein Bett im 4er-Zimmer stieg. Schlafen wurde aber schwierig, da neben mir ein Bär lag, der die ganze Nacht in einer ungemeinen Lautstärke versuchte, Wildtiere zu verjagen.




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