WM 2018 in Russland - Teil 1 von 5


Wettbewerb WM 2018 Russland, Gruppe B
Datum & Uhrzeit 25.06.2018, 20:00 Uhr
Spiel Spanien - Marokko
Eintritt 105 USD
Ergebnis 2:2 (1:1)
Spielort Kaliningrad-Stadion
Spielort Kapazität 35.212
Zuschauer 33.973
Eintrittskarte Richtige Eintrittskarte



Exakt ein Jahr vor der Tour kamen einige Zwickauer auf die glorreiche Idee, doch mit dem Auto nach Russland zur WM zu fahren. Bei einer gemeinsamen Auswärtsfahrt war ich natürlich sofort Feuer und Flamme, als ich davon hörte und sicherte meine Mitfahrt zu.

 

Eine ideale Tour anhand der Spielorte- und zeiten wurde heraus gesucht und dann begann Mitte September die erste Verkaufsphase, ohne zu wissen, wer überhaupt spielt. Da es bei dieser Verkaufsphase nur das Friss-oder-Stirb-Prinzip gibt, in der entweder deine gesamte Bestellung angenommen oder abgelehnt wird, wollten wir die Bestellungen durchmischt vornehmen und jeder bewirbt auf ein paar Spiele, teilweise doppelt und dann sehen wir mal, was wir alles bekommen.

Einem Tag vor Beginn fiel den Anderen auf, dass sie ja gar keine Kreditkarte haben und somit gar nicht bestellen können. Also habe ich die gesamte Tour auf gut Glück angefragt. Fünf Spiele á vier Mann. Kartenwert knapp 2.000 Euro (billigste Kategorie).

Im November wurden dann die Entscheidungen versandt und siehe da: Trotz zweier Spiele mit sehr hohem Anfrageaufkommen wurden uns die Tickets zugewiesen.

Neben der spannend erwarteten Gruppenauslosung im Dezember, musste nun natürlich die Planung beginnen.

 

Bei den offiziellen Fanhinweisen für deutsche WM-Fahrer stand ausdrücklich, dass es keine Vermietung gibt, bei der man ein Auto für Russland mieten kann. Ein extra Kauf stand schon zur Debatte, jedoch wurde in Hamburg jemand gefunden [Old Honk – Hansens Retro Camper], der einen umgebauten T3 auch nach Russland vermietet.

Für vier Mann, Schlafplätze, Küche. Wir haben sofort zugeschlagen, um der Idee nochmal diesen Extra-Kick zu geben.

 

Tag 1:

Zu Dritt trafen wir uns Freitag-Abend am Dresdner Hauptbahnhof, um mit dem FlixBus nach Hamburg zu fahren. Der Vierte fuhr mit dem Auto samt Gepäck. Mit einigen Bier, ein paar netten WM-Stories der letzten Jahrzehnte und etwas Schlaf verlief die Fahrt, wie im Wind und wir trafen wir uns dann alle um 8 bei Hamburg am T3. Nach einer kurzen Einweisung vom Vermieter ging es auch schon los. Wir entschieden uns spontan, die Nacht noch in Deutschland zu verbringen und das Spiel Deutschland - Schweden an der polnischen Grenze zu schauen. Der Matchkalender offenbarte ein Spiel direkt an unserem Reiseweg, welches auch zeitlich perfekt passte. So wohnten wir noch dem Vereinsfest der SG Roggendorf 96 bei, wo die erste Herren ein Spiel gegen die SGR AllStars bestritt. Die Übernachtung haben wir nach Anklam gelegt. F., unser Dienstältester, checkte einfach im nächsten Hotel ein und der T3 wurde in der Nähe an der Kirche abgeparkt, wo der Rest übernachten sollte. Ein Restaurant-Platz samt Public Viewing wurde auch schon von der Rezeption aus reserviert und so trafen wir uns da zum Essen und Fußball schauen. Nach dem Spiel ging es nach noch einem Gute-Nacht-Bier in die Federn.

 

 

Tag 2:

Das Ziel des Tages war diesmal die russische Grenze. Bei Swinemünde muss man die kostenlose Fähre über den Meeresarm Świna nehmen, da dieser keine Brücke besitzt. Natürlich haben wir zuerst die Fähre angesteuert, welche nur für regionale Bewohner ist. Somit durften wir da wieder kehrt machen. Ein Mitfahrer unterhielt sich dabei mit anderen Deutschen, wobei der Mann nach bereits drei gewechselten Sätzen auf einmal anfängt englisch zu sprechen. Daraufhin stupste ihn seine Frau an: „Du, das sind Sachsen. Du kannst mit denen deutsch reden.“

Bei einem weiteren Stop auf der Suche nach einem Restaurant kamen wir mit einem älteren Herren in Kontakt, tauschten uns kurz über die Welt aus und schenkten ihm zum Abschluss noch zwei Gambrinus, über die er sich natürlich sehr freute. Kurze Zeit später, immer noch auf der Suche, blieb eine landstreicherhafte Persönlichkeit vor unserem Bus stehen und betrachtete diesen argwöhnisch. Wir tauschten ihm seine zerbrochene Zigarette, die er in der Hand hielt, mit einer Neuen aus und auch er war glücklich.

Gegessen wurde dann erst am Übernachtungsziel Malbork. Der T3 wurde fast direkt vor der gleichnamigen Marienburg geparkt. Alles nötige zwei Minuten zu Fuß entfernt. Nachdem F. wieder in ein Hotel eincheckte ging es erstmal Pizza essen. Danach wurde für die erste Halbzeit das Public Viewing vor der Marienburg angesteuert, wo Polen spielte. Das war ganz entspannt, mit einem tollen Hintergrundblick und Familienfest-Artig. O-Ton: „Wie richtige Polen sehen hier eigentlich nur wir aus.“

Die zweite Halbzeit wurde im Hotelzimmer geschaut, hofften wir doch auf den polnischen Gruppensieg, um im Achtelfinale Polen-England sehen zu können. Die Polen schieden jedoch leider mit diesem Spiel direkt aus. Null Punkte nach zwei Spielen.

Zu zweit gingen wir danach zum Bus, um da unsere Schlafplätze aufzubauen. Die beiden Anderen blieben im Hotel.

 

 

Tag 3:

Am nächsten Morgen war erstmal große Duschrunde im eben jenen angesagt, bevor die Etappe nach Kaliningrad angesteuert wurde.

Der Grenzübertritt zu Russland dauerte ungefähr eine Stunde. FIFA-Volunteers befanden sich ebenfalls auf der russischen Seite der Grenze. Pässe abgeben, FAN-ID abgeben, Auto durchschauen lassen und eine Zollbescheinigung unterschreiben. Direkt danach wurde dem VW erstmal der 60cent-Diesel gegönnt. Die Straße nach Kaliningrad war neu gebaut und die ersten vielen Kilometer quasi verwaist. Nebenan sah man noch die alte Straße. Die Fahrt darauf wäre lustig geworden.

Wir haben direkt das Stadion angesteuert und unser Glück an den Parkplätzen direkt am Stadion probiert.

Zuerst wurden wir abgewiesen. Der Ordner konnte natürlich nur russisch und es wurde mit Händen und Füßen versucht, die Parkmöglichkeiten zu erklären.

Der zweite Parkplatz war zugesperrt, beim Dritten war eine Lücke, aber auch da kam sofort jemand angesprungen und verwies uns sofort. Währenddessen fuhren mehrere Autos zum zweiten Parkplatz und wir schlossen uns einfach an, da es sich dabei auch um Fans und Nicht-Russen handelte. Der Erste in der Reihe schob einfach das Gitter beiseite und alle Autos fuhren drauf.

Ich fuhr bewusst etwas abseits und schon konnte man sehen, wie der Ordner vom dritten Parkplatz rotierte und zu den Anderen hin lief und mit ihnen diskutierte. Wir hielten uns schön auffällig im Hintergrund und ließen die anderen diskutieren. Weg fahren musste niemand. Recht sinnloses Gehabe, dort hätten noch Hunderte Autos und Reisebusse drauf gepasst, stattdessen standen da nur einige wenige Beschäftigte.

Das erste Mal am Stadion vorbei liefen wir Richtung Innenstadt. Große Fan ID Zentren, gute Markierungen und zum Spiel eine Menge Volunteers. Hier verläuft sich auch die größte Nuss nicht. Der erste spanische Legionär kam uns auch schon entgegen und grüßte hoffnungsvoll.

Der erste Anlaufpunkt war ein MegaFon-Laden, um für ein paar Rubel eine SIM-Karte für zwei Wochen zu kaufen inklusive 10 GB Datenvolumen. Nachdem nun alle wieder mit mobilem Internet versorgt und die Mägen gefüllt waren, ging es auf kleine Stadttour im strömendem Regen. Nachdem die Klamotten endlich richtig durch waren, schaute man nochmal beim Fanfest vorbei, jedoch aufgrund des Regens nur von Außen. Es spielte gerade Russland gegen Uruguay. Ein wichtiges Spiel für uns, sollte sich doch da entscheiden, welche der beiden Mannschaften wir im Achtelfinale sehen werden. Der Wunsch wurde erhört, Russland verlor, war somit Gruppenzweiter und das Achtelfinale sollte so mit dem Gastgeber und uns stattfinden.

Auf dem folgenden Weg zum Stadion kam uns direkt am Fanfest wieder der Legionär entgegen. Diesmal hatte er aber ein paar russische Fluchwörter und Gesten mitgebracht, nachdem er irgendwas von uns wollte und wir diesem nicht nachkamen (Aufgrund der Sprachbarriere nicht nachkommen konnten). Sogleich schnappten sich zwei Sicherheitsbeamte den Mann und kümmerten sich um ihn.

 

Vor dem Stadion war nun bereits eine Menge Trubel los. Aus einem Auto heraus gab es für die marokkanischen Fans Fahnen, Mützen und sogar T-Shirts. Bühnen waren aufgebaut, auf denen Livemusik gespielt wurde und sogleich von einigen Spaniern geentert wurde, inklusive Beschlagnahmung des Mikrofons. Verschiedene Künstler säumten ebenfalls den Weg. Aufsehen erregte mein Trikot des aktuellen marokkanischen Meisters Ittihad Riadi Tanger. Neben „Oh my God“-Rufen, einigen Fotos und sogar Aufklebergeschenken der Ultras Hercules, gab es sogar eine aufgeregte Videotelefonie nach Marokko.

 

Im Stadion hatten wir gefühlt die besten Plätze erwischt. Genau an der Front zwischen Spaniern und Marokkanern, welche im Laufe des Spiels einige Dispute miteinander hatten. Neben der üblichen Pöbeleien bei den Toren, gab es einen großen Aufreger, als die Spanier beim 1:1 ihre Bierbecher vor Freude nach unten warfen. Diese trafen nun natürlich die Marokkaner. Alkohol auf Moslems. In der Folge wurde es ziemlich hitzig, die Ordner schritten ein und baten einige Gesellen nach draußen.

 

Marokko verlor wenige Tage zuvor das Rennen um die Ausrichtung der WM 2026. Dies quittierten die Marokkaner öfter mit lauten „FIFA, FIFA Vaffanculo“ - Rufen. Einmal sogar so brachial laut, man hatte das Gefühl, das ganze Stadion schreit es inbrünstig. Genau dieser Schlachtruf sollte mir später auf der Tour noch zum Verhängnis werden…

Marokko setzte die Spanier im Spiel gehörig unter Druck, welche erst in der Nachspielzeit durch die Hilfe des Videoassistenten ausgleichen konnten. Da zeitgleich der Iran gegen Portugal ebenfalls den Ausgleichstreffer schoss, konnte sich Spanien auf Platz Eins der Gruppe schieben und so sollte es zu einem Wiedersehen in Moskau beim Achtelfinale gegen Gastgeber Russland kommen.

 

Nach dem Spiel sind wir sogleich zum längsten Trip der Tour aufgebrochen. 1.700 Kilometer bis Nischni Nowgorod. An diesem Punkt ließen wir auch unsere größte Intelligenz durchblicken. Standlicht ging, Fernlicht ging, aber kein normales Licht. Meiner Bitte, doch mal bitte zu googeln, wurde nicht nachgegeben und so ging es abwechselnd mit diesen beiden Lichtern durch die russische Nacht.

 

 

Kilometerstand: 1.373



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