Das sind keine Fußballfans

Erstellt am 06.06.2017
Zuletzt geändert: 13.06.2017 - 13:25 Uhr



In den letzten Wochen kam es in den Stadien Deutschlands vermehrt zu aufsehenerregenden Vorfällen verschiedener Fangruppen. Auffällig dabei ist die starke Solidarisierung der (teilweise verfeindeten) Fangruppen untereinander. Die Adressaten der Aktionen sind ebenfalls überall die Gleichen: Die zu starke Kommerzialisierung des Fußballs und die Entscheidungsträger an sich.

Doch anstatt diese Aktionen zu hinterfragen und eventuell Selbstreflexion an den Tag zu legen, haben die Herren von DFB, Presse oder auch, wie im Fall 1860 München, Investoren wie Hasan Ismaik, nichts besseres zu tun, als jede Schuld von sich zu weisen, als zahme Chorkinder darzustellen und mit populistischen Aussagen gegen das Wichtigste zu wettern, was der Fußball besitzt: Die Fans.

In der jetzigen Phase fällt vor Allem ein Satz besonders häufig: "Das sind keine Fußballfans (,die so etwas machen)". Ein Satz purer Populismus, der vor Allem eines bezwecken soll: Ablenkung von den eigentlichen Problemen. Die Ursachen sollen verdeckt bleiben.

Bei Fußballfans wird längst mit zweierlei Maß gemessen. Wie oft sieht man das Ausschlachten des Verhaltens von Fußballfans in den Medien und denkt sich: "Aha, das passiert jede Woche auch vor der Haustür im ganz normalen Alltag und da gibt es keine Sondersendungen darüber."
Wie oft hört man es in der Ferne irgendwo rummsen, weil irgendwer einen Böller aus dem Balkon wirft. Wir oft gibt es irgendwo Schlägereien, weil welche ihren Streit auf diese Art und Weise austragen. Wie oft kommt es zum Diebstahl von ein, zwei, drei Bier aus irgendeinem Kiosk?
Was hört man denn dann für Sätze? "Das sind keine Menschen!", "Das sind keine Mieter!", "Das sind keine Berufstätigen!"? Von anderen Großveranstaltungen, wie dem Oktoberfest mal abgesehen. Hat irgendwer schon mal den Satz gehört: "Das sind keine Biertrinker!"?

So irrwitzig es mit diesen Zeilen schon ist, wird es noch verrückter, wenn man direkt beim Thema bleibt: Fußball.

Am 02.06.2017 beim Relegationsspiel 1860 München gegen Jahn Regensburg trat der Spieler Sascha Mölders während der Spielunterbrechung voller Wut gegen die Trainerbank. Der Kommentator Tom Bartels meinte dazu nur: "Das muss raus. Man kann es verstehen." 

Seit Jahrzehnten berühmt und zur Bespaßung immer wieder hervor geholt wird der Tritt von Jürgen Klinsmann am 10.05.1997. Beim Spiel von Bayern München gegen den SC Freiburg ist dieser über seine einfache Auswechslung so erbost, dass dieser in eine Werbetonne tritt, welche danach ein riesiges Loch aufweist.

Man kann sich leicht ausmalen, wie die Reaktionen ausfallen würden, wenn ein Fan vergleichbare Reaktionen, zum Beispiel gegen einen Imbissstand vornehmen würde. Da findet man 20 Jahre später niemanden, der darüber lacht, während er den Clip im Abendprogramm zur Familienunterhaltung laufen lässt. Hat schon Mal jemand den schimpfenden Satz dazu gehört: "Das sind keine Fußballer!"?

Am 15.05.1990 kommt es in der Jugoslawischen Liga zum Spiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad. Die Vorhut der Jugoslawienkriege: Kroaten gegen Serben, die sich auf das Tiefste hassen. Neben Ausschreitungen auf den Rängen werden auch die kroatischen Spieler auf dem Rasen von der serbischen Polizei attackiert. Der Grund? Die Spieler waren Kroaten. Ist da der Satz gefallen: "Das sind keine Polizisten!"? Aufgrund dessen holte der Spieler Zvonimir Boban aus, sprang auf einen Polizisten und versetzte ihm einen harten Fußtritt. Eine Situation, die hin und wieder rund um Fußballspiele von Fans mit den Worten "Das sind keine Fußballfans!" kommentiert wird. Würde auch nur eine Person, auch heutzutage, verlauten lassen, dass Zvonomir Boban kein Fußballspieler sei?

Gennaro Gattuso, Weltmeister von 2006 hat einmal den Satz gesagt:
"Wenn ich früher ein Spiel verloren habe, hab ich aus Wut die Kabine verwüstet. Heute machen die Spieler nach Niederlagen Selfies. Das macht mich krank!"
Wer ihn auf dem Platz erlebt hat, zweifelt nicht an der praktischen Umsetzung dieser Aussage. Vermutlich hat man ihn damals gewähren lassen. Vermutlich auch in Gästekabinen bei fremden Eigentum.
Auf jeden Fall erntet dieses Verhalten eines Spielers weniger Interesse, als gleichbedeutende Aktionen von Fans. Der mediale Aufschrei durchfließt schon den ganzen Körper, wenn Fans aus Frust über Niederlagen etwas verwüsten.

Diese Doppelmoral wird noch verschärft durch die Tatsache, dass Spieler in der heutigen Zeit weitestgehend Söldner sind. Wichtiger als der Verein ist ihnen der persönliche Erfolg. Im Gegensatz dazu nehmen Fans immer wieder persönliche Verluste in Kauf, um ihren Verein unterstützen zu können. Wie kommt also diese absurde Verdrehung der Bewertung der emotionalen Ausbrüche zu Stande?

Ganz einfach. Niemanden interessiert eine Bewertung im gesellschaftlichen Zusammenhang. Bilder werden geliefert und der Fußballfan an sich hat seinen miesen Ruf ebenfalls bereits weg. Wenn dies bei anderen Veranstaltungen oder in alltäglichen Situationen passiert, wird es nicht von sowieso schon geächteten Personengruppen verübt. Daher ist ein aus dem Zusammenhang gerissener Missbrauch der Situation nicht so einfach möglich, wie es im Fußball der Fall ist.

Das sind doch keine Fußballfans. Was sind denn Fußballfans?



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