Angst im Stadion - Eine Kindheitserinnerung

Erstellt am 13.07.2019



Originalveröffentlichung am 23.05.2012

Der Artikel wurde zu einer Zeit verfasst, als Fußballstadien die sichersten Orte der Welt waren und trotzdem Woche für Woche von "einer neuen Dimension der Gewalt" gesprochen wurde. Die Medienhysterie um die Sicherheit beim Fußball war auf dem Höhepunkt. Obendrein brach der DFB wenige Monate zuvor die Gespräche mit der "Pyrotechnik legalisieren - Emotionen respektieren"-Kampagne ab und verschärfte so die bis heute anhaltende Spannung zwischen Fans und Verband. Dynamo wurde aufgrund des im Artikel erwähnten Dortmund-Spiels fast vom DFB-Pokal ausgeschlossen und konnte diese Strafe nur mit einem kruden Deal mit dem DFB verhindern. Ein Jahr später (dieser Artikel war zu diesem Zeitpunkt bereits veröffentlicht) nach dem Pokalspiel in Hannover wurde Dynamo tatsächlich für ein Jahr vom Pokal ausgeschlossen. Nach beiden Spielen nahm die Medienhysterie kein Ende und Fernsehbilder wurden bewusst so geschnitten, um den Eindruck von Bürgerkrieg zu vermitteln. Dazu betonten Medien, Politiker und Polizeigewerkschaftler in dieser Zeit des Öfteren, dass es Lebensgefährlich sei, ein Fußballstadion zu betreten und dies natürlich ein neu aufflammendes Phänomen sei.

01.09.2002 – Bis heute für viele Dynamos einer der bedeutendsten Tage der Nachwendezeit. Es war das Stadtderby gegen den Dresdner SC – der selbsternannten neuen Nummer 1 der Stadt – welcher die letzten Jahre nichts Besseres zu tun hatte, als mit verachtenswertem Hohn und Spott auf die Lennéstraße zu blicken.

An diesem Tag sollte sich alles ändern. An diesem Tag sollten die Verhältnisse wieder gerade gerückt werden. Es sollten keine Zweifel aufkommen, wer hier wirklich die Nummer 1 der Stadt ist. Dieser Tag sollte der Anfang vom Ende für den einst so glorreichen DSC werden.

Wie bedeutsam dieser Tag wirklich war, war uns damals noch nicht bewusst. Wir drei Kinder im Alter von zwölf und neun Jahren wollten einfach nur unsere Dynamos siegen sehen. Siegen auf dem Platz und selbst damals schon siegen auf den Rängen. Wir waren geiler als der DSC, trotzdessen es für ihn fast in die 2.Bundesliga ging, als unser Weg Richtung Oberliga führte. Damals war der DSC eine Art Hoffenheim-Vorreiter. Neben TeBe Berlin versuchten ihn damals schon machtbesessene Manager mit Geld in den großen Fußball zu kaufen. Das war vielleicht der wichtigste Grund, warum er damals so verhasst war. Geld sollte Dynamo ausbooten, einen neuen Verein in den Dresdner Himmel stemmen. Sport, Fanatismus und Leidenschaft sollten auf der Strecke bleiben.

17.100 Zuschauer sind bei diesem Spiel im Stadion. Das heilige Rund des RHS, was der DSC dafür als Heimspielstätte missbrauchte, ist hassgetränkt. Plakate mit „Verreckt an unser´m Geld“ werden ausgerollt, rote Trikots hängen am Zaun und sterben den Feuertod. Jeder Kommentar des Stadionsprechers wird mit gellenden Pfiffen und Hassparolen begleitet. Das ganze Stadion will nur eins: Heute, hier und jetzt, in unserem Stadion, stirbt der DSC für immer!
Wir drei Kinder gingen damals schon einige Monate in den K-Block, bis heute einer der berüchtigtsten Fanblocks in Deutschland. Von hier geht die Stimmung aus, hier ist und war schon immer am meisten los. Für ein Kind war dies einfach nur faszinierend. Gesänge weit unter der Gürtellinie – wohl nicht gerade das richtige für Kinder, doch uns hat es natürlich gefallen.
Vor dem Zaun stehen keine Ordner, durch die Laufbahn gibt es genug Abstand zwischen Block und Spielfeld. Im Akkord fliegen die Böller, Rauchbomben steigen auf. Der ganze Block ist gehüllt in schwarz-gelbem Nebel und wir drei Kinder mittendrin. GEIL, das ist heute ein wahres Fußballfest! Rauchbomben im K-Block, das gehört einfach dazu!

Bildquelle: bultras.net

Das Spiel dümpelt nur vor sich hin – eines der schlechtesten Spiele, die ich je gesehen habe. 0:0, das waren 90 Minuten trostloses Hin- und Hergeschiebe. Das konnte man sich nicht antun. Doch auf den Rängen geht es ab. Der offizielle Gästeblock ist heute recht gut mit Heimanhängern gefüllt. Die hatten Heimspiel und nicht mal der Gästeblock platzte aus allen Nähten, während das restliche Stadion schwarz-gelb erstrahlte und die wollen die Nummer 1 sein? Nicht mit uns! „Tod und Hass dem DSC“, erschallten unsere Kinderstimmen. Was soll dieser Verein darstellen? Dynamo ist die Macht!

Ein roter Schalteppich wird präsentiert. Das ganze Stadion steht auf, fordert aus tiefster Seele: „ANBRENNEN!!“. Der Teppich brennt. Wie Motten fressen sich mehrere Feuerstellen durch den Lump, dahinter von anderen Fans ungewollt zeitgleich ein Spruchband ausgerollt: „Tod und Hass dem DSC“. Das Bild geistert Jahre danach immer noch durch das Internet, sinnbildlich für dieses Spiel.

Hinter dem Block kommt es immer wieder zu Tumulten. Nachts zuvor wurden Löcher in die Zäune geschnitten. Dutzende Personen sehen es nicht ein, diesem Drecksverein das Geld in den Rachen zu werfen. Jagdszenen mit der Polizei, Pferde rennen in die Menschenmassen, Sonnenschirme fliegen. Bei diesem Hass, der heute hier vorhanden ist, hat auch der motivierteste Bulle keine Chance. Heute regiert nur Dynamo.
Das Spiel ist vorbei, nicht gewonnen. Ich sehe erwachsene, muskulöse Männer mit Glatze, die weinend beim Mannschaftsbetreuer im Arm liegen. Das kann nicht sein, das darf nicht sein, nicht gegen DIESEN Drecksverein, nicht am heutigen Tag!

Bildquelle: bultras.net

Doch das wahre „Spiel“ sollte erst beginnen. Nun war es an der Zeit, dieses rote Dreckspack aus der Stadt zu jagen. Zu Tausenden machen schwarz-gelbe Horden Jagd auf die rote Brut. Sie sollen eine Lektion erhalten, sich nie wieder blicken lassen. DSC – es ist nun aus und vorbei. Die Lennéstraße gleicht einem Schlachtfeld. Überall werden rot-schwarze Fanartikel von ihrem Besitzer getrennt. Sie rennen im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. Mehrere Jahre purer Hass finden nun ihren Höhepunkt. Das war kein blödes Gelaber. Man wollte diesen Verein wirklich vernichten! Als diese Möchtegern-Fußballfans verschwunden waren, kam ein nächster Gegner, der einen jahrelang nur gefickt hat. Doch heute ist Dynamo stark und unbesiegbar. Heute machen wir gleich den Abwasch komplett. Noch nie waren die Bullen so machtlos, wie an diesem Tag. Sie wurden durch die Straßen gejagt, ihnen wurden die Helme und die Knüppel geklaut, sie wurden verprügelt. Ihre einzige Chance war es, sich im Stadion zu verbarrikadieren!
Wir sind zu diesem Zeitpunkt noch im Stadion, auf dem Feld bei den Spielern. Amateurhafte Regionalligaspieler, die jedoch unsere Helden sind. Wir sammeln massig Autogramme und geben ihnen Kekse, die uns die Mutti noch mitgegeben hatte – in sicherer Entfernung zum Geschehen außerhalb.
Als wir das Stadion verließen, ist es ruhig. Der Spuk ist vorbei, der Tag gelaufen und man hatte sein Ziel erreicht: An diesem Tag starb der DSC.

Bildquelle: bultras.net

Das Stadion war damals noch kein Hochsicherheitstrakt. Es gab überwiegend Stehplätze. Es gab kein Dach. Die Stufen und der Zaun waren marode, die sanitären Anlagen unterirdisch. Keine Polizei und keine Ordner, die jeden kleinsten Winkel absicherten. Es gab noch leckeres Essen, was mit Bargeld zum kleinen Preis bezahlt werden konnte. Kein Familienblock, keine überdimensionierte Halbzeitshow, kein Event-Gehabe. Einfach nur Fußball! Kein Vergleich zu heute.
Hatten wir Angst mit neun und zwölf Jahren? Zu keinem einzigen Zeitpunkt. Wir sahen harte Randale hautnah, standen direkt in dichtem Rauch. Hat uns das geschadet? Kein Stück. Abgeschreckt? Auch nicht!
Alle sind bis heute immer noch aus tiefster Seele Dynamo, haben Jahreskarte und fahren Spiel für Spiel quer durchs Land um den Verein zu unterstützen. Pyrotechnik? Muss sein, gehört dazu, gehört legalisiert. Wir wollen wieder im dichten Rauch stehen, wie damals mit neun Jahren! Im Oktober waren wir natürlich in Dortmund: 10.000 Mann im Block, dutzende Bengalen um uns herum. Ein Traum, ein Moment purer Freude und Ekstase und wir wieder mitten drin. Angst um Leib und Leben? – Gab es zu keinem einzigen Zeitpunkt!

Wir haben die harte Zeit in Dresden miterlebt. Pyrotechnik und Ausschreitungen waren hier im großen Stil an der Tagesordnung. Boxereien hinter dem Block gab es immer wieder.

Nur Angst, Angst hatten wir auch als Kinder nie...

 

Bildquelle: bultras.net


Kommentare

18.07.2019, 11:10:44
R.Noack

reichrino@t-online.de sogenannte ,, FANS" ???

Was hatte denn das eigentlich mit Fußball zu tun??? das waren doch Hirnverbrannte IDIOTEN

18.07.2019, 17:46:04
Anonym

Meester

Du hast nichts verstanden oder bist zu jung.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten und die haben lange Gebläse, irgendwann war es zuviel Demütigung!

18.07.2019, 20:41:47
Thor

Was haben wir...

... das schöne Plakat "verreckt an unsre'm Geld"
In Freital Zauckerrode auf dem Parkplatz gemalt.
:)
Es war einer der geilsten Tage im Dresdner Fußball.

21.07.2019, 07:47:19
Mick

Goldene Zeiten

.....so müsste es heute noch laufen, genug Vereine würden mir einfallen

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19.07.2019, 07:00:30
Anonym

Das ist für euch Fußball? Ich lese nur Hass! Ich konnte den DSC auch nie leiden aber wer nur mit Hass Erfüllt Rauchbomben zündet,Feuer legt und andere Fans jagt,ihnen ihre Fanklamotte abnimmt,Angst und Gewalt verbreitet,der ist für mich kein Fan. Das macht Fußball kaputt. Bleibt doch einfach zu Hause und kloppt euch gegenseitig die Fresse voll.

19.07.2019, 12:07:01
Groundhopping Links

Tut mir leid. Du hast die Intention und den Inhalt des Textes nicht verstanden.

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